Psychotherapiedschungel Teil 2

Aktualisiert: 7. Mai 2020

Hast Du Dich mal gefragt, wie eine Psychotherapie so abläuft? Weißt Du was probatorische Sitzungen sind und wozu sie dienen? Was ist eigentlich eine Psychiatrie- die viele nur abfällig als "Klapse" kennen- und was hat sie mir zu bieten, wenn ich psychisch krank bin? Ist sie vielleicht BESSER als ihr Ruf?


Diese Themen werde ich in der heutigen Folge für Dich beleuchten.


Dabei kann ich schwerpunktmäßig nur von einer Verhaltenstherapie erzählen- es gibt auch noch andere Therapieverfahren, für die bin ich allerdings kein Experte. Im Grunde nähern sich die Therapieschulen eh an- aber hier geht's im Kern um Verhaltenstherapie :-)


Welche Therapieverfahren werden von der Krankenkasse bezahlt?


Im Moment werden:


- Verhaltenstherapie

- Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

- Psychoanalyse

- und ab JULI 2020 auch systemische Psychotherapie


von den Krankenkassen bezahlt!


Ablauf Psychotherapie


Im Grunde ist der Ablauf der Psychotherapie schulenweit ähnlich- bis auf die Länge der Therapie- es gibt ein paar probatorische oder "Kennenlernsitzungen" und dann beginnt die Therapie.

Seit 2017 sind das 2-4 Sitzungen zum Kennenlernen. Diese probatorischen Sitzungen dienen dem Kennenlernen und der Anamneseerhebung als Vorbereitung auf die Therapie. Dazu komme ich gleich noch. Hier kann der Patient schauen, ob der diesem Therapeuten vertrauen kann, ob er sich wohl fühlt, ob die "Chemie" stimmt. Auch der Therapeut schaut, ob er mit diesem Patienten arbeiten möchte.


Unterschiedliche Spezialisierung von Therapeuten


Jeder Therapeut hat eine "Grundausbildung", auf die er mit den Jahren Berufserfahrung und Fortbildungen aufbaut.

Der eine hat vielleicht auf einer Depressionsstation gearbeitet, der andere im Essstörungsbereich. Der eine hat eine Weiterbildung in Traumatherapie, der andere in einem speziellen Therapieverfahren wie CBASP (ein kognitiv-verhaltenstherapeutisch analytisches Therapiesystem für die Arbeit mit chronisch depressiven Menschen). Sprich, jeder hat sein Steckenpferd, Störungsbilder mit denen er sich besser und schlechter auskennt, bzw. einfach mehr oder weniger Erfahrung mitbringt.


Was ist eine Anamnese?


Dem Therapeuten dienen diese Sitzungen zudem für die sogenannte Anamnese- das heißt, er erfragt die Symptome, Biographie, Krankengeschichte und andere Informationen, damit er sich ein Bild von der Erkrankung machen kann. Am Ende der Probatorik hat der Therapeut eine vorläufige Diagnose gestellt, die man wie eine "Arbeitshypothese" verstehen kann. Das heißt, wenn die Diagnose Depression lautet, weiß der Therapeut wie eine Depression zu behandeln ist. Diagnosen können sich im Verlauf noch ändern, wenn der Therapeut mehr Informationen hat. Es kann sein, dass er auch noch Testverfahren einsetzt- besonders Verhaltenstherapeuten (in Folge als VTler abgekürzt) machen das ganz gerne- um die Diagnose zu festigen.


Die Diagnose sollte der Therapeut immer mit Dir besprechen- wenn er es nicht tut, solltest Du danach fragen. Wenn Du Deine Erkrankung hinter Dir lassen möchtest, musst Du sie erstmal verstehen :-) Wenn Du weißt, was Du hast (auch wenn eine Depression natürlich bei jedem ein wenig anders verläuft und Menschen nicht in Diagnoseschemata passen), so kannst Du losgehen und Dir Informationen suchen, um Deine Erkrankung besser zu verstehen, oder andere Betroffene finden, mit denen Du Dich austauschen kannst.

Zum Abschluss der Probatorik wird ein Therapieplan erstellt, der mit dem Patienten besprochen wird (idealerweise :-)).


Kurz- und Langzeittherapie


Du startest erstmal mit einer Kurzzeittherapie, das sind (in der Verhaltenstherapie) ca. 25 Sitzungen. Hierfür braucht der Therapeut keinen Antrag mehr bei Deiner Krankenkasse zu stellen, es reichen gewisse Formulare, die ihr zusammen ausfüllt. Sollte das nicht reichen, ist es möglich die Therapie auf 60 Std und dann nochmal auf 80 Std (Tiefenpsychologische Therapie max 100Std und Psychoanalyse max 300 Std) zu verlängern. Aus meiner Erfahrung reichen oft die 25 Sitzungen schon aus- mit Urlaubs- und Krankheitszeiten bist Du dann schon ca ein Dreivierteljahr in Therapie. Studien belegen, dass wenn nach 20 Sitzungen keine gravierende Besserung eingetreten ist, kommt diese später auch nicht mehr. 25 Stunden ist schon eine ganze Menge und ich bin ein Fan von kurzer und knackiger Psychotherapie, die effektiv und effizient darauf hinarbeitet, dass Du möglichst schnell wieder alleine zurecht kommst.


Meine Empfehlung ist, dass Du den Therapeuten ehrlich darauf ansprichst, wenn Du das Gefühl hast, dass ihr nicht weiter kommt. Ein guter Therapeut merkt das eh und spricht es von sich aus an. Viele Patienten trauen sich das nicht, weil sie den Therapeuten nicht so konfrontieren wollen, aber ganz ehrlich, es geht hier um Dich. Du gehst ein Mal die Woche zur Therapie und investierst Deine Lebenszeit, da sollte sich das Ganze auch für Dich lohnen.


Therapiesetting


In der Verhaltenstherapie sitzt Du dem Therapeuten einfach gegenüber, dafür sind meist zwei Stühle an einem kleinen, gemütlichen Tisch angeordnet, ein bisschen schräg, so dass ihr Euch nicht so direkt ansehen müsst (das kann etwas einschüchtern, wenn man persönliche Dinge erzählt :-)) und redet einfach. Das heißt, der Therapeut fragt Dich einfach, wie es Dir geht, was für Symptome Du aktuell hast, was besser und schlechter geworden ist seit der letzten Sitzung. Ihr redet über Deine Erkrankung, wo sie herkommen könnte, was Du im Außen (z.B. Arbeitsplatzwechsel) und Innen (Denkmuster, Gefühle) machen kannst, damit es Dir besser geht. Oft geht es dabei auch um den Umgang mit anderen Menschen, Kollegen, Freunde, Partner, Eltern.


Manchmal kann es sein, dass ihr nicht einfach nur redet, sondern auch eine Übung macht. Das kann bei einer Essstörung sein, ein Eis zusammen zu essen, um Denkmuster "hochkommen" zu lassen und dann direkt bearbeiten zu können oder Ängste zu verringern (meist ist die Angst VORHER im Kopf viel größer als in der Realität)- oder z.B. indem ihr Straßenbahn fahrt bei Panikattacken. Im Grunde kann man mit Denkmustern und auch Gefühlen am besten arbeiten, wenn sie DA sind- also dienen diese Situationen als "Trigger", oder Auslöser, um dann daran arbeiten zu können. Zudem hält Vermeidungsverhalten Ängste aufrecht und Konfrontation mit Ängsten verringert diese :-)


Psychoanalytische Verfahren


Ich hatte ja gesagt, ich bin hier kein Experte. Daher halte ich es kurz. Die klassische Psychoanalyse, wie man das mal gelernt hat mit der Couch und Freud, gibt es in der Form so gut wie nicht mehr. Es hat sich aber ein Therapieverfahren etabliert, was analytische Grundtheorien verwendet und diese mit modernen Therapieansätzen kombiniert. Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP). Hier gibt der Therapeut Input (bei der Analyse nicht) und die Therapie dauert nicht mehr so lange wie die Analyse (die meist Jahre dauert). Der wohl größte Unterschied zu der VT ist, dass die kognitive VT sich auf Denkmuster und Verhalten stürzt, wobei die TP den Fokus mehr auf das Persönlichkeitsgebilde des Menschen legt und auf seine Interaktion mit der Umwelt. Daher spielt die therapeutisch Beziehung auch eine sehr große Rolle, da diese auch genutzt wird, um zwischenmenschliche Schwierigkeiten aufzugreifen und durchzuarbeiten (z.B. jemand der schüchtern ist, ist dies auch dem Therapeuten gegenüber und das kann man in der Therapie nutzen). Natürlich geht es auch um die Reduktion von Symptomen (z.B. Depression), aber der Schwerpunkt liegt mehr auf der Ursache der Symptome und der Ansatz ist, dass wenn die weg ist, die Symptome von ganz allein verschwinden.


Das ist jetzt ein bisschen vereinfacht und wird den Therapieschulen nicht gerecht. Ich werde an anderer Stelle nochmal mehr zu den verschiedenen Therapieschulen sagen. Im Grunde haben sich alle Therapieschulen sehr angenähert und der Trend geht hin zu einer integrativen Psychotherapie. Das heißt, die TPler nutzen auch mal Konfrontationsverfahren, weil diese z.B. bei Ängsten sehr erfolgreich eingesetzt werden können und die VTler gucken neben dem Verhalten und den Gedanken auch ganz viel bei der Interaktion und der Persönlichkeit, weil man gemerkt hat, dass das einfach ganz wichtige Werkzeuge für die Therapie sind.


Warum sind Psychiatrien besser als ihr Ruf?


Klapse. Klapsmühle. Irrenhaus. Die Bezeichnungen sagen schon aus, wie die allgemeine Meinung über Psychiatrien so ist- da gehen die hin, die so "richtig einen an der Waffel haben". Die total Verrückten halt.


Früher war das vielleicht auch mal so- es gibt schwere psychiatrische Erkrankungen, die gibt es schon lange und früher wusste man nicht, wie man den Menschen helfen konnte, also wurden sie weggesperrt, damit sie keinen "Schaden" anrichten konnten- oder weil man sie nicht in der Gesellschaft haben wollte.


Heute sind viele Psychiatrien moderne Behandlungszentren, in denen sich das geballte Wissen der Psychotherapie und Medizin befindet. Auch heute werden eher schwere Behandlungsverläufe und chronische psychische Erkrankungen, wie die bipolare Störung, schwere, chronische Depressionen oder Psychosen in Psychiatrien behandelt. Das liegt auch daran, dass bei diesen Erkrankungen oft Medikamente eingesetzt werden, die über eine längere Zeit eingestellt werden müssen. Oder Menschen müssen auch heute noch vor sich selbst und/oder anderen geschützt werden. Ein schwer depressiver Mensch kann z.B. selbstmordgefährdet sein oder ein Maniker (manische Episode einer bipolaren Störung) kann denken, dass er fliegen kann und sich somit selbst gefährden.


Man merkt schon an den Namen der Kliniken, dass es nicht mehr nur um Psychiatrie geht, sondern auch um Psychotherapie und psychosomatische Zusammenhänge. So heißen Psychiatrien oft "Psychiatrie und Klinik für psychosomatische Medizin" oder Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie".


Auch die "Volkskrankheit" Depression kann in einer Psychiatrie behandelt werden- ich wohne ja in Kassel und hier in der Nähe gibt es die Psychiatrie Merxhausen und die haben u.a. ein sehr gutes Behandlungskonzept für chronische Depressionen. Es lohnt sich mal auf der Internetseite der örtlichen Psychiatrie zu stöbern- oft gibt es auch ambulante oder teilstationäre Angebote (man macht tagsüber Therapie und schläft zuhause) oder auch Angebote für Angehörige, z.B. Eltern von Kindern mit Autismus.


Daher würde ich auf jeden Fall sagen: Psychiatrien sind besser als ihr Ruf :-)


So, das war's schon wieder! Ich danke Dir für Dein Interesse und ich hoffe, dass Du ein paar Infos über und "Insights" in den Psychotherapiedschungel gewinnen konntest und ich freue mich, wenn Du das nächste Mal wieder reinschaust- oder hörst!


In diesem Sinne,


DenkDichGlücklich,


Deine Verena


Mehr Infos gibt es auf meiner Homepage verenawendt.de, da findest Du auch den Podcast zu diesem Blog! Den kannst Du Dir aber auch auf iTunes, Spotify, Deezer, Stitcher oder Podcast.de anhören- einfach DenkDichGlücklich mit Verena Wendt eingeben und loslegen!






















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