Interview mit Corinna Schertell "Wie ich lernte, meine Ängste schneller in Vertrauen zu wandeln"

Aktualisiert: 7. Mai 2020

Hier erzählt Corinna

- wie sie mehrere Anläufe brauchte, um eine Therapeutin zu finden, der sie vertraute

- wie die Verhaltenstherapie ihr half, ihre Ängste besser zu verstehen und aus einem Tief herauszukommen und

- wie das contextuelle Coaching ihr anschließend einen Weg aufzeigte, dauerhaft ihre Ängste schneller in Vertrauen wandeln zu können.

Heute teile ich mit Euch einen Erfahrungsbericht von Dipl.-Ingenieurin Corinna Schertell- Corinna ist 56 Jahre alt, glücklich in Partnerschaft und arbeitet als Key Account Managerin in der Pharmaindustrie. Ich finde immer, man lernt am meisten von Menschen, die das, was man selbst möchte, schon erreicht haben. Leider sprechen immer noch recht wenige Menschen offen über ihre Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen und/oder Psychotherapie. Corinna möchte mit ihrem offenen Bericht dieses "Tabu" brechen auch anderen Menschen Mut machen, einen Weg aus krankhaften Ängsten zu finden. Ich finde das mega, weil ich psychische Erkrankungen gern aus der "dann ist man doch verrückt"-Ecke holen möchte, in die sie leider immer noch viel zu oft gestellt werden.



Hier liest Du das Interview aus meinem Podcast "DenkDichGlücklich" (Link: https://www.verenawendt.de/)


Let's start!


Verena: Liebe Corinna. Du hast sowohl Erfahrungen mit Psychotherapie als auch mit dem contextuellen Coaching, richtig?


Corinna: Ja, genau, hab ich.


Verena: Wann hast Du denn Psychotherapie gemacht und warum?


Corinna: Ich habe ungefähr im Jahr 2000 angefangen. Ich hab seit meinem 15. Lebensjahr eine Angststörung entwickelt. Damals wusste ich natürlich noch nicht, was mit mir los war. Ich war ja in der Pubertät und da ist man ja das erste Mal mit sich und seinen Gedanken allein- Ich hatte dann irgendwann den Punkt erreicht, dass ich so nicht mehr leben wollte. Jeder Tag war ein Kampf, ich war wie innerlich auf der Flucht und jeden Abend einfach nur froh, den Tag überlebt zu haben. Das war für mich keine Lebensqualität mehr. Ich war ja jung und ich war Mama und ich wollte so irgendwann einfach nicht mehr weiter machen. Ich hab mich an meinen damaligen Mann gewandt, der Arzt ist. Der konnte damit erstmal gar nicht umgehen, da ich nach außen immer so tough war. Das hat mich viel Kraft gekostet. Mein Ex-Mann hat mich dann an einen Psychiater verwiesen, der mich beruhigte es sei alles gar nicht schlimm, da könne man etwas machen. Dieser hat mich an eine Verhaltenstherapeutin weitergeleitet.


Verena: Wie waren Deine Erfahrungen mit der Psychotherapie?


Corinna: Ich war bei verschiedenen Therapeuten und NLP-Trainern (Anmerkung der Autorin: neurolinguistisches Programmieren (NLP) ist eine Therapieform) und hatte immer das Gefühl, dass ich die therapieren muss. Da hab ich mich nicht so gut aufgehoben gefühlt. Ich brauchte jemanden, der mir klar sagt, was ich machen soll, um das wieder in den Griff zu bekommen. Irgendwie so etwas wie eine Autoritätsperson. Dann war ich irgendwann bei einer Verhaltenstherapeutin und die war richtig cool. Die hat mir erstmal meine größte Angst genommen, dass ich irgendwann richtig ausraste und einen totalen Kontrollverlust habe und die Menschen um mich herum nicht mehr wissen, was sie mit mir tun sollen. Und die Angst verrückt zu werden oder schizophren zu sein. Sie sagte mir ich sei nicht schizophren und "verrückt" werde man auch nicht von heute auf morgen. Sie erklärte mir, dass Ängste immer eine Ursache haben und dass sich das über Zeit oft aufbaue. Und das war für mich, als hätte sie einen Schalter umgelegt. Ich hab dann auch medikamentöse Therapie unterstützend bekommen und sie hat mit mir Verhaltenstherapie gemacht.

Ich sollte mich weiter in die Situationen begeben, die mir Angst machen. Es war Frühling und ich sollte die Sonne genießen und raus gehen. Ich hatte mich auch gerade beruflich verändert und sie sagte, dass sei doch super, dann kenne ich niemanden dort und müsse auch niemanden gefallen und könne mich erstmal im Hintergrund bewegen. Das habe ich dann auch gemacht und relativ schnell gemerkt, dass es mir dann viel besser ging. Dauerhaft war es allerdings latent noch im Kopf da- vor allem die Angst, dass es wieder kommen könnte.


Verena: Was würdest Du denn sagen, was hat Dir am meisten geholfen? Worauf führst Du zurück, dass es besser geworden ist?


Corinna: Bei den ersten Therapeuten war der Erfolg nicht lang anhaltend. Die wirkten auf mich selbst nicht tough und sicher und da fühlte ich mich irgendwie überlegen. Das waren aber ja auch nur meine Meinungen über die- auf jeden Fall hatte ich kein Vertrauen zu denen. Bei der Verhaltenstherapeutin hat mir ihre Klarheit sehr geholfen. Das sie nicht lange geguckt hat, wo das herkommt, sondern mir ganz klar gesagt hat, was ich habe und was ich jetzt tun kann, damit es mir besser geht. Und auch, dass sie mir die Ängste nehmen konnte schizophren zu werden. Sie erklärte mir z.B. dass ich ja selbst erlebe, dass ich zwiegespalten bin und das sei bei einer Schizophrenie nicht so. Schizophrene Menschen erleben ihren Wahn als Realität und können das nicht trennen. Das hat mir geholfen, mich zu verstehen!


Verena: Das heißt, sie hat auch einfach ein bisschen Input gegeben und Dinge richtig gestellt, oder?


Corinna: Ja, genau. Ich bin ja Ingenieur von Hause aus und ich muss das irgendwie bereifen können und nachvollziehen können.


Verena: Cool. Und wann hast Du dann das Coaching bei der contextuellen Coaching Academie gemacht?


Corinna: Das war 2015.


Verena: Warum?


Corinna: Weil ich auch da, kurz davor in 2014, ein pychosomatisches Schmerzsyndrom entwickelt hatte. Ich hatte beruflichen Stress, ich war Führungskraft geworden und hatte Personalverantwortung und dazu hatte ich privat eine Fernbeziehung. Ich fühlte mich hin- und her gerissen. Bin ich ein guter Chef? Will ich diese Fernbeziehung? Der Stress hat sich in meinem Körper derart gezeigt, dass ich meinen rechten Arm nicht mehr bewegen konnte und starke Schmerzen in der Schulter hatte. Die Seele oder die Gedanken haben sich körperlich manifestiert. Das ist ja bei z.B. Panikattacken ganz genau so, dass man sich da in eine Gedankenwelt hereinsteigert und der Körper sich ein Kanal sucht, wo er das rauslässt.


Verena: Ja, wo sich auch ein Kreislauf ergibt wo es immer mehr Stress ist für den Körper und einen selbst.


Corinna: Ja genau. Und dann hatte ich eine Freundin, die mich mit zu einem Informationsabend zum Coaching mitgenommen hat und dann hab ich gedacht, ja, das probier ich aus.


Verena: Hattest Du irgendwelche Vorbehalte?


Corinna: Nö. Ich bin einfach zu dem Abend hingegangen und war sofort total begeistert. Die haben mir da aus der Seele gesprochen. Ich hab gedacht, cool, das ist ja genau mein Muster und wenn man da einen Weg findet, da raus zu kommen, wäre das ja cool. Ich hatte schon einige Erkenntnisse auf dem Infoabend und hab mich gleich nachts zum Training angemeldet.


Verena: Und wusstest Du, dass das Training mit so vielen Menschen stattfindet (Anmerkung der Autorin, die Coachings der CCA finden in großen Gruppen von über 50 Menschen statt)?


Corinna: Ja, das haben die auf dem Infoabend gleich gesagt und haben auch das Setting erklärt, also dass sie z.B einen weiblichen und einen männlichen Trainer haben und dass es eine größere Gruppe ist. Ich fand das mit der größeren Gruppe eher schön, weil ich dachte dann bin ich nicht so allein mit meinen Problemen, sondern erlebe auch andere, die vielleicht ganz ähnliche Probleme haben. Sonst hab ich oft gedacht, dass nur ich dieses Problem habe! Zudem habe ich das von Anfang an als einen geschützten Rahmen gesehen.


Verena: Das finde ich interessant, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es für viele Menschen erstmal schwer vorstellbar erscheint ein Coaching mit und vor so vielen Menschen durchzuführen oder mitzumachen. Also war das für Dich gar kein Problem, weil Du eher den Aspekt gesehen hast, nicht allein mit Deinem Problem zu sein?


Corinna: Ja, genau. Ich hab das immer so gesehen "geteiltes Leid ist halbes Leid"- es ist ja auch irgendwie beruhigend, dass es anderen auch so geht. Zudem ist es ja keine Therapie, das hat ja nochmal einen ganz anderen Touch, da dachte ich auch lange, das brauche ich doch nicht, ich bin doch nicht verrückt.


Verena: Und was hat sich für dich dann verändert durch das Training?


Corinna: Ich bin da so beschwingt und lebensfroh wieder hinausgegangen und war geflasht, dass man sein Erleben so wandeln kann. Ich kann nur Jedem mitgeben, sucht Euch Hilfe und Unterstützung. Bleibt mit Euren Gedanken nicht allein, geht in den Austausch! Ich hab mein ganzes Selbstbild dort verändert- ich sehe mich jetzt als eine liebevolle Frau und mein Leben als spannende Reise. Zudem war ich Single und hab dann 2 Monate später meinen neuen Partner kennengelernt und das ist auch voll schön.


Verena: Könntest Du sagen, worauf du die Veränderung zurückführst?


Corinna: Das entscheidende war, dass Menschen ganz viel interpretieren. Das konnte ich an meiner eigenen Geschichte so gut nachvollziehen. Das auslösende Erlebnis war, dass ich als 15-Jährige in der Psychiatrie als Ferienjob gearbeitet habe und seitdem Angst davor hatte, verrückt zu werden. Anfangs waren das nur Gedanken und irgendwann hat sich das verselbstständigt. Ich hab dort gelernt, dass ich meine Gedanken trainieren kann und andere Gedanken zu anderen Gefühlen führen. Ich hab mir früher oft gewünscht, dass meine Ängste einfach nur weg sind- dass ich zum Arzt gehe und der schneidet sie weg. Und jetzt weiß ich, dass es so nicht geht, aber dass es Möglichkeiten gibt, dass Ängste wieder weg gehen.


Verena: Ja, super, vielen Dank, wir sind schon am Ende! Ich finde das ganz klasse, dass Du so offen darüber sprichst! Da so wenige Menschen so offen damit umgehen, denken immer noch viele Menschen, dass sie allein sind mit ihren Ängsten und das ist ja Quatsch. Ängste und Depressionen betrifft so viele Menschen.


Corinna: Ja, das stimmt. Was ich auch spannend fand, wenn ich Psychotherapie und Coaching vergleiche, dass die Psychotherapie lange in die Vergangenheit schaut und die contextuellen Coachings sich auf die Zukunft ausrichten. Ich habe dort gelernt, dass die Vergangenheit eh vorbei ist und ich mich nicht mehr als Opfer meiner Vergangenheit fühlen möchte. Klar, dann bekommt man Mitleid, aber helfen tut einem das auch nicht. Zudem habe ich dort erlebt, dass ganz unterschiedliche Dinge für Menschen schlimm sind- selbst jemand der liebevolle Eltern hatte, fühlt sich vielleicht nicht ausreichend gefördert. Jeder hat sein Päckchen zu tragen.


Verena: Ja, das fand ich auch bei den Coachings der CCA spannend. Egal, was jemand erlebt hat, irgendetwas fand jeder immer schlimm und es hat die Art wie man sich und andere sieht verändert. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, wie Du schon sagst- es ist nur eine Frage, wie man in der Gegenwart und Zukunft damit umgeht. Es spielt z.B. keine Rolle, ob die Eltern arm oder reich waren, zusammen oder getrennt sind. Kinder haben immer Vorwürfe an ihre Eltern :-). Vielleicht braucht auch nicht Jeder eine Psychotherapie. Manchmal kann auch ein Coaching schon sehr helfen!


Corinna: Ja, das stimmt. Ich wünsche mir einfach, dass viele Menschen ein erfülltes und erfolgreiches Leben haben und egal ob Psychotherapie oder Coaching, die Unterstützung finden, die sie weiterbringt. Und viel Erfolg mit Deinem Podcast!


Verena: Danke Dir und danke für Deine Offenheit!


Sooo, das war das Interview mit Corinna. Ich fand sehr spannend, auch als Therapeutin, wie Corinna die Psychotherapie erlebt hat und ich finde den Punkt ganz wichtig, jemanden zu finden, dem man vertraut! Nur dann kann Therapie funktionieren- das belegen auch Studien.


Therapie kann Dir erstmal helfen, Deine Ängste, Depressionen oder was auch immer selbst besser einzuordnen und hat dann sehr wirkungsvolle Ansätze um diese zu reduzieren. Ja, Therapie guckt oft viel in der Vergangenheit, vielleicht manchmal zu viel- das habe ich mich auch schon oft gefragt. Denn, die Vergangenheit ist vorbei, ändern kann man sie nicht mehr und wenn man daran festhält, dass sie hätte anders sein sollen, kann das auch die Gegenwart und Zukunft sehr belasten.


Ich möchte mich abschließend nochmal ganz herzlich bei Corinna bedanken, denn sie ist nicht nur mutig, weil sie ihre sehr persönliche Geschichte hier so offen mit Euch teilt, sie ist auch mutig mir zu vertrauen, denn sie kennt mich kaum und mein Podcast steht noch am Anfang. Daher, danke für Deinen Mut und Deine Risikobereitschaft und danke für die Inspiration, die Du ganz sicher für ganz viele Menschen da draußen bist!


Ich freu mich über Eure Kommentare, gern hier gleich unter dem Blog, oder auf meiner Facebook-Seite Verena Wendt Psychotherapie & Coaching


Links zum Podcast:

https://www.podcast.de/suche/?q=denkdichgl%C3%BCcklich

https://www.stitcher.com/podcast/denkdichglucklich

https://www.deezer.com/de/show/1057042

https://open.spotify.com/show/6GQzDboqCaara63UUC416I


Link zum Coaching:

Contextuelles Coaching: https://contextuelleacademie.com/


Links zu Therapie:

Therapie bei Ängsten: https://www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/angst/therapie/

Meine Privatpraxis: https://www.verenawendt.de/




61 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen